strzechaatde.htm
Es
ist geschichtlich belegt, das bereits seit dem XV. Jahrhundert Polen in Wien
lebten. Anfänglich einzelne, wie zum Beispiel in den vierziger Jahren des 15.
Jhdts. der Dompropst zu St. Stephan, Alexander Masoviensis, Fürst von
Masovien Er war ein Neffe des
polnischen und litauischen Königs Ladislaus Jagiello und Onkel des späteren
Kaisers Friedrich des III. Seine Grabsteinplatte aus rotem Marmor auf der auch
Wappenschilder mit dem polnischen Adler eingemeißelt sind, befindet sich in
der Seitenwand der Stephanskirche. Seine
Schwester Cymbarka, Fürstin von Masovien war für ihre Schönheit und
körperliche Kraft berühmt. Sie war die Gemahlin des steirischen Fürsten
Ernst des Eisernen und Mutter des späteren Kaisers Friedrich des III. Ihre
Bronzestatue ist eines der Elemente des Grabmahls ihres Enkels, Kaiser
Maximilian des I. in der Innsbrucker Hofkirche. Es kam aber nicht nur die
polnische Hocharistokratie nach Wien. Die Wiener Schulen des 16. und 17.
Jhdts. erfreuten sich besten Rufes in Polen. Und wer es sich leisten konnte
sandte seine Söhne zum Studium nach Wien. Nicht wenige blieben später für
immer. Die bekannte Tatsache des Entsatzes
von 1683 wollen wir überspringen. Nach Informationen der
Polizeidirektion und des Fremdenbüros Wien gingen 1834 nahezu 2.000 Polen
beiderlei Geschlechts unterschiedlichen Standes und Lebensart verschiedenen
Beschäftigungen nach. Vor 130 Jahren begann die Zahl der in Wien lebenden
Polen rapide zu wachsen. Die Ursache für dieses Phänomen ist in den durch
die Einführung der Dezemberverfassung von 1867 entstandenen Systemveränderungen
in der Monarchie zu sehen. Die meisten dieser 20.000 Wiener Polen verdienten
sich ihren Lebensunterhalt mit Handwerk, Handel oder einfacher Handarbeit. Es
war auch die Zeit der Vereinsgründungen. Allen voran die polnische
Akademikervereinigung Ognisko, die zwischen 50 und 210 Mitgliedern zählte.
Schon damals studierten 405 polnische Studenten an der Wiener Universität und
an der technischen Hochschule. Der Verein Ognisko bestand bis 1952. Wie alle
polnischen Vereine in Österreich, musste auch Ognisko von 1938 bis 1945 seine
Tätigkeit aussetzen. 1868 entstand die polnische Handwerker- und
Arbeitervereinigung Siła. Sie wurde zehn Jahre später wegen ihrer
Kontakte zu politischen polnischen Emigrantenorganisationen in Frankreich von
den österreichischen Behörden aufgelöst. Noch im gleichen Jahr gründeten
Mitglieder von Siła unter dem Patronat des späteren Präsidenten des
Abgeordnetenhauses Franciszek Smolka eine neue Organisation mit dem Namen
Zgoda. Im Gegensatz zu Siła überwogen in der Vereinigung Zgoda
Intellektuelle und Vertreter des Bürgertums. Internen Konflikten zufolge
spaltete sich 1892 der polnische Gesellschaftsverein Lutnia und die
Vereinigung Polnischer Arbeiter Siła ab. Erst ende 1894 kam es auf
Initiative des ständig in Wien wohnenden Parlamentsabgeordneten Graf August
Łoś zum Zusammenschluss von Zgoda und Lutnia in eine neue polnische
Vereinigung namens STRZECHA. Einer der verdienstvollsten Mitbegründer war der
Jurist im Finanzministerium,
Hofrat Dr. Pius Twardowski, Vater des späteren Ministers für Galizien,
Juliusz Twardowski. Der Verband STRZECHA wurde noch am 28. November 1894 in
der Statthalterei Niederösterreich eingetragen. Der Name „STRZECHA" -
zu deutsch Strohdach - hatte symbolische
Bedeutung. Er erweckte in den Herzen der WIENER POLEN Erinnerungen an
das Elternhaus und die traditionelle polnische Gastfreundschaft. Im ersten
Vereinsjahr waren bereits 81 Mitglieder registriert, darunter hohe polnische
Staatsbeamte der k.u.k. Monarchie, Fabrikanten, Kaufleute, Ärzte sowie Künstler
und Handwerker. Vorträge und Theateraufführungen waren die ersten
kulturellen Beiträge des Verbandes. Bereits zwei Jahre später kam eine
Vereinsbibliothek mit 1117 Bänden hinzu. Um die Jahrhundertwende
konzentrierte sich der Verband auf die Zusammenarbeit mit den in Wien ansässigen
Handwerkern und Kleinbetrieben und half bei deren Entwicklung. Zu jener Zeit
waren in Wien 350 polnische Firmen aller Branchen eingetragen. Absicht des
Verbandes war es, diese Betriebe in ein wiederentstandenes Polen rückzuführen
und die Auswanderung aus Polen zu minimieren. Seit 1905 wurde im Verband
„STRZECHA“ ein literarischer Kreis geführt. Auch musikalisch gewann
„STRZECHA“ an Bedeutung, nachdem namhafte Künstler für Auftritte
gewonnen werden konnten. Der
Verband entfaltete verschiedenste
Formen der Kulturbildung unter Ausschluss aller Standesunterschiede. Für
besonders wichtig hielten „STRZECHA“- Mitglieder auch die Zusammenarbeit
mit anderen polnischen Vereinen im Bildungsbereich. Das in den 80er Jahren des
19. Jhdts. entstandene Vorhaben, in Wien eine polnische Bildungseinrichtung zu
gründen, die „DOM POLSKI“- „POLNISCHES HAUS“ genannt werden sollte,
konnte 1908 durch finanzielle Unterstützung der WIENER POLEN realisiert
werden. Noch im gleichen Jahr
wurde ein Konzept des Ankaufs erstellt und das Profil der künftigen
Einrichtung skizziert. Federführend
war Dr. H. Monat, der das Projekt abzeichnete und entscheidenden Einfluss auf
den Ankauf des Objektes 1030 Wien,
BOERHAAVEGASSE 25, ausübte. Dort wurde eine polnische Schule, ein
Kinderheim, eine Bibliothek und ein Lesesaal eingerichtet. Es wurden Vorträge,
wissenschaftliche Vorlesungen, Fachlehrgänge und Deutschkurse für polnische
Arbeiter sowie gelegentliche Veranstaltungen organisiert. Während des ersten
Weltkrieges fanden über 200.000 polnische Flüchtlinge in Wien Zuflucht.
„STRZECHA” öffnete seine Türen weit und wurde zu einem wichtigen
Sammelpunkt des sozialen, kulturellen und traditionellen
Lebens. Unter den Polen, die der Krieg nach Wien führte, befanden sich
Gelehrte, Ärzte, Künstler, Journalisten und Lehrer. Ihre Begabung diente
sowohl den Flüchtlingen als auch den „WIENER POLEN“.
Nach Wiedererlangung der
Unabhängigkeit Polens kehrten Flüchtlinge und Emigranten in Scharen nach
Polen zurück. Dennoch verblieben ca. 50.000 im Lande. 1921 wurde eine künstlerische
Sektion gegründet, die für breite Kreise der „WIENER POLEN“
unterschiedlichste Veranstaltungen organisierte.
Fünf Jahre später kam eine Sektion für Touristik dazu, die über 30
Ausflüge unternahm. „STRZECHA“ Mitglieder nahmen aber auch regen Anteil
am WIENER KULTURLEBEN und engagierten sich bei anderen Vereinen
bildenden, karitativen und sozialen Charakters. Nach dem Anschluss Österreichs
an das „Dritte Reich“ im Jahre 1938 wurde die Verbandstätigkeit drastisch
eingeschränkt, bei Kriegsausbruch erlosch sie dann völlig. Viele der
engagierten „WIENER POLEN“ wurden in Konzentrationslager gebracht. Trotz
Repressalien haben viele „WIENER POLEN“ ihre Aktivitäten nicht
unterbrochen und halfen unter Lebensgefahr anderen. Eine besondere Stellung
nahmen schon immer die Priester der polnischen Hl. Kreuzkirche am Rennweg und
der polnischen St. Josefskirche
am Kahlenberg ein. Bei Gottesdiensten und Begräbnissen trafen sich
„STRZECHA-Mitglieder“, um mit der Unterstützung der POLNISCHEN PRIESTER
Hilfsmaßnahmen zu planen und zu unternehmen. In den Nachkriegsjahren
versammelte „Strzecha“ ca. 2.000 Mitglieder. Die Hauptaufgabe dieser Zeit
bestand darin, materielle Hilfe an Polen und Personen polnischer Abstammung zu
leisten, da das Lebensmittelkartensystem in Österreich das Überlebensminimum
nicht gewährleisten konnte. Polen vergaß trotz eigener verheerender Zerstörungen
seine in Österreich lebenden Landsleute nicht: Lebensmittelhilfe und sogar
Kohlesendungen waren die Folge. Trotz dieser Schwierigkeiten wuchs das
gesellschaftliche, kulturelle, bildende, touristische und organisatorische
Vereinsleben schnell. 1948 wurde die „POLNISCHE SCHULE“ wiedergegründet,
die zusätzlich zum Sprachunterricht polnische Geschichte und Landeskunde
vermittelte. Sie wurde zeitweilig von bis zu 120 Schülern besucht. Der
Verband ermöglichte den Schülern während der Sommerferien Polenaufenthalte
in Ferienlager zur Sprach-,
Kultur- und Brauchtumspflege. Die Schule führte seit ihrer Gründung diese
Tradition bis 1996 fort. 1948 konnte der Frauenkreis wiedergeschaffen werden,
der im Ersten Weltkrieg als
„LIGA POLNISCHER FRAUEN“ gegründet wurde.
Ohne
Unterbrechung pflegt der Verband seit über einem Jahrhundert das Gedenken an
den Entsatz von Wien am 12. September 1683 durch den Polenkönig Jan Sobieski
III. Am zweiten Sonntag im September jeden Jahres findet nach der hl. Messe in
der St. Josefskirche am Kahlenberg die feierliche Kranzniederlegung von
"STRZECHA" in der Sobieskikapelle statt. Dieser Festakt ist mit
verschiedenen Feierlichkeiten verbunden. Viele “STRZECHA-Mitglieder“
kommen in traditionellen Trachten ihrer Heimat. 1983 feierte „STRZECHA“
300 Jahre Entsatz von Wien unter dem allerhöchsten
Ehrenschutz des hl. Vaters,
Johannes Paul II., S.E. Kardinal F. König und dem österreichischen Bundespräsidenten
Dr. R. Kirchschläger, die den Feierlichkeiten einen besonders festlichen
Rahmen verliehen. „Strzecha“ ist ein Verband, der während der Teilung
Polens entstanden ist. Bereits zu Beginn
seines Bestehens wurde er zum Zentrum und zum Hort des Polentums in Österreich.
So ist „STRZECHA“ auch bis heute geblieben, deswegen ist es für uns,
seine Mitglieder so wichtig, dass unser Verband „STRZECHA“, wie unser
langjähriges Ehrenmitglied und Vizepräsidentin Frau Wanda MAXYMOWICZ einst
schrieb, ewig bestehen bleibt. Seit dem mit besonders vielen
Festveranstaltungen gefeierten 100.sten Jubiläum unseres Verbandes bewahren
und pflegen wir unsere Kultur, verstärkt durch viele neue Mitglieder. Wir
konnten im Vorjahr 18 Veranstaltungen unterschiedlichen Charakters
organisieren. Die Teilnahme an den „Wiener Bezirksfestwochen“ und den
„Polnischen Kulturtagen in Wien“ sprechen von der Qualität unserer
Veranstaltungen. Sprach-, Kultur-
und Traditionspflege sind die vordringlichsten Aufgaben unseres Verbandes, wie
auch Kulturaustausch und Erwachsenenbildung. Neuzuwanderern aus Polen erteilen
wir Sozial- und Rechtsberatung. Über all die Jahre hinweg, unter den
verschiedensten Widrigkeiten die der Wandel der Zeit mit sich brachte,
pflegten Mitglieder von Strzecha ohne Unterbrechung Sprache und Kultur ihrer
angestammten Heimat und gaben sie an ihre Kinder und Enkel weiter. Heute steht
der Verband der Polen in Österreich Strzecha mit dem Anliegen aller Wiener
Polen im Bundeskanzleramt, mit dem Ansuchen um Anerkennung als Volksgruppe.